Die Neuerscheinung geht zurück auf Daten des HTWK-Forschungsprojekts „Arisierung in Leipzig. Drangsalierung, Plünderung und Enteignung“
Mit dem Buch „Januar 1933: Das jüdische Leipzig – eine Rekonstruktion“ legt der Autor Michael W. Schönemann erstmals eine umfassende Rekonstruktion der jüdischen Bevölkerung Leipzigs unmittelbar vor der nationalsozialistischen Machtübernahme vor. Die Veröffentlichung basiert auf einer Datenbank, die im Rahmen des gemeinsam mit Prof. Dr. Rainer Vor (HTWK Leipzig) entwickelten Forschungsprojekts „Arisierung in Leipzig. Drangsalierung, Plünderung und Enteignung“ aufgebaut wurde.
Das Buch macht die Ergebnisse einer mehrjährigen Quellenrecherche erstmals einer breiteren wissenschaftlichen und öffentlichen Öffentlichkeit zugänglich. Es bildet zugleich die Grundlage für die weitere Erforschung der Verfolgung und Enteignung der jüdischen Bevölkerung in Leipzig.
Ein vollständigeres Bild des jüdischen Leipzigs
Ausgangspunkt der Rekonstruktion war das „Leipziger Jüdische Jahr- und Adressbuch für 1933“, das die jüdische Gemeinde zum Jahreswechsel 1932/33 dokumentiert. Dieses Verzeichnis erfasste jedoch nur die aktiven Gemeindemitglieder und hier auch nur die Haushaltsvorstände. Durch die systematische Auswertung zahlreicher weiterer Quellen konnte diese Lücke geschlossen werden. Entstanden ist ein Datensatz, der die jüdische Bevölkerung Leipzigs zum Stichtag 1. Januar 1933 erstmals vollständig abbildet. Damit werden neue Analysen zu Herkunft, Alters- und Familienstrukturen, wirtschaftlichen Verhältnissen sowie zur räumlichen Verteilung innerhalb des Stadtgebiets ermöglicht.
Buch als Grundlage für weitere Forschung
Mit der Veröffentlichung werden die Ergebnisse dieser Grundlagenforschung erstmals in ihrer Gesamtheit zugänglich. Das Buch dokumentiert das jüdische Leben in Leipzig unmittelbar vor Beginn der nationalsozialistischen Verfolgung und erinnert an Menschen, deren Lebenswirklichkeit kurze Zeit später zerstört wurde. Darüber hinaus schafft die erarbeitete Datenbasis eine belastbare Grundlage für weitere wissenschaftliche Untersuchungen. Sie eröffnet neue Möglichkeiten, die Geschichte des jüdischen Lebens in Leipzig differenziert zu erforschen und langfristig auch für Erinnerungskultur, Bildung und Stadtgesellschaft nutzbar zu machen.
Das Forschungsprojekt wurde von dem Diplom-Soziologen Michael W. Schönemann gemeinsam mit Prof. Dr. Rainer Vor, Professor für Rechtswissenschaften an der HTWK Leipzig, initiiert und entwickelt. Ziel ist es, die Mechanismen von Verfolgung, Entrechtung und Enteignung der jüdischen Bevölkerung Leipzigs wissenschaftlich zu untersuchen.
Mit ihrem Forschungsansatz beschreiten die beiden Wissenschaftler Neuland, denn bis dato gibt es keine einzige empirische Vollerhebung der jüdischen Einwohnerschaft einer vergleichbaren Gebietskörperschaft. Unter den konstanten Bedingungen eines gebietskörperschaftlich fest umrissenen Raumes werden neue Strukturanalysen möglich. Die Initiatoren erhoffen sich davon insbesondere fundierte Einblicke in die stattgefundenen Prozesse und genaueren Abläufe dieses einmaligen, staatlich initiierten und gegen eine spezifische Teilbevölkerung gerichteten Raubzuges.
Weitere Projektideen warten auf Finanzierung
Das Forschungsprojekt soll in den kommenden Jahren weiter ausgebaut werden. Geplant ist unter anderem die systematische Auswertung der weitgehend vollständig erhaltenen Leipziger Grundbücher. Damit soll untersucht werden, wie jüdischer Immobilienbesitz während der Zeit des Nationalsozialismus enteignet wurde, wer von den »Arisierungen« profitierte, wer die Drahtzieher, die indirekten Nutznießer und Trittbrettfahrer waren, wie mit den Immobilien in der DDR umgegangen wurde und wie die Restitutionsverfahren nach der deutschen Wiedervereinigung verliefen.
Ergänzend ist die Entwicklung einer digitalen Anwendung „Jüdisches Leipzig 1933“ vorgesehen. Sie soll die historischen Wohnorte der jüdischen Leipzigerinnen und Leipziger im Stadtraum sichtbar machen und neue Zugänge für Wissenschaft, Bildung und Erinnerungskultur schaffen. Für die Umsetzung der nächsten Projektphasen werden derzeit weitere Fördermittel und Kooperationspartner gesucht. Ziel ist es, die Forschung fortzuführen und ihre Ergebnisse dauerhaft für Wissenschaft, Stadtgesellschaft und historisch-politische Bildungsarbeit zugänglich zu machen. Interessierte Förderinstitutionen und Kooperationspartner sind eingeladen, die weitere wissenschaftliche Aufarbeitung dieses bedeutenden Kapitels der Leipziger Stadtgeschichte zu unterstützen.
Informationen zum Buch
Januar 1933: Das Jüdische Leipzig, eine Rekonstruktion
Verlag DE GRUYTER, OLDENBOURG
ISBN 978-3-11-162418-1
618 Seiten
gebundene Ausgabe 139,95€
https://doi.org/10.1515/9783111624679
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